„Vorsicht Besserwessi“

Redebeitrag von Katrin McClean bei der Tag der Empörung-Demonstration unter dem Aufruf „Tag der Empörung – Friedensdemonstration vor den Hamburger Medienzentralen

Meine Rede heute zum Tag der deutschen Einheit lautet Vorsicht Besserwessi. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Meine Lebenssituation war gut, meine Eltern hatten beide Arbeit, und nichts deutete daraufhin, dass sich daran etwas ändern könnte. Dass ich in den Ferien nur einen kleinen Teil der Welt bereisen konnte, war definitiv nicht mein größtes Problem. Trotzdem musste ich mir fast jeden Abend anhören, in was für einer furchtbaren Diktatur ich lebte. Denn natürlich sahen meine Eltern auch ungestraft Westfernsehen.

Nach der Wende traf ich dann ständig Leute, die mich entsetzt fragten, wie ich es in der DDR ausgehalten hätte. Wenn ich ihnen sagte, dass ich weder unter der Mauer noch unter der Stasi gelitten hätte, erklärten sie mir, das sei pure Verdrängung. Wenn sie fragten, wie ich den Mauerfall erlebt hätte, erzählte ich ihnen, dass die Wiedervereinigung für viele Menschen vor allem Frührente bzw. die Aberkennung ihrer bisherigen beruflichen Leistungen bedeutete. Selten kam eine Nachfrage, stattdessen der Vorwurf, Ossis könnten nur rumjammern. Wir nannten solche Leute bald die Besserwessis.

In den letzten Monaten nun habe ich das Gefühl, ich erlebe den Besserwessi wieder in vollster Blüte. Plötzlich ist das Land voll von Ukraine-Experten, die wissen, wie es zu den Problemen in der Ost-Ukraine kam. An allem ist nur die Machtgier der russischen Regierung und die Verblendung der Menschen in der Ost-Ukraine Schuld, und deshalb muss die Kiewer Regierung im Kampf gegen die Separatisten unterstützt werden. Dabei ist mir aufgefallen, dass gerade diejenigen, die für militärische Lösungen sind, immer am allerbesten Bescheid wissen. Die wissen dann auch, dass man auf keinen Fall ein Referendum für eine eigenständige Donbass-Republik anerkennen darf, weil das ja alles nur Putins Hexenwerk ist. Man muss sich das mal vor Augen führen. Ein Deutscher glaubt, er könne besser über die Lage der Ost-Ukrainer entscheiden als die Ost-Ukrainer selbst. Dabei ist dem Bescheid-wissenden Deutschen nicht mal bewusst, dass seine Einstellung tödlich ist. Die Anerkennung des Donbass-Referendums war die letzte Möglichkeit, den Ukraine-Konflikt friedlich zu lösen. Im sogenannten Anti-Terror-Krieg, der danach kam, verloren Tausende Ukrainer ihr Leben und es war völlig sinnlos. Nicht ein einziges der ukrainischen Probleme wurde gelöst.

Trotz allem, der politisch interessierte Deutsche weiß heute auch bestens über den Irak und Syrien Bescheid. Er meint zu wissen, dass dort fast nur gewaltbereite Muslime leben, die nichts anderes tun, als sich in Terrorgruppen zu formieren und westdeutsche Journalisten zu foltern. Und dass diese Wahnsinnigen nur mit militärischen Mitteln zur Räson gebracht werden können.

Was ist eigentlich die Grundlage für dieses vermeintliche Wissen? Der niederländische Autor Joris Luyendijk war 5 Jahre lang Nahost-Korrespondent, unter anderem im Irak. Sein Buch „Bilder und Lügen in Zeiten des Krieges“ ist eine Abrechnung mit einer Illusion. Er sagt: Eine wahrheitsgemäße Berichterstattung über die arabischen Länder ist überhaupt nicht möglich. Warum?

Die wenigsten Auslandskorrespondenten sprechen überhaupt arabisch.

In arabischen Ländern gibt es keinen freien Journalismus. Es gibt auch keine Meinungsumfragen oder andere unabhängigen Informationsquellen. Auslandskorrespondenten beziehen Informationen aus ihren eigenen Presse-Agenturen, um sie vor Ort vorzutragen.

Die westlichen Presse-Agenturen wiederum beziehen Informationen von einheimischen Informanten, die an diesem Job dringend notwendiges Geld verdienen und die vermutlich das erzählen, was die Agentur hören will. Und sie erzählen auch nichts, was sie in die Hände des irakischen oder des amerikanischen Geheimdienstes bringen könnte. Nicht selten werden Szenen vor Ort nachgestellt, um sie kamerareif zu machen.

Weiter schreibt Lujendijk, dass im speziellen Fall Irak alle Nachrichten weitgehend unter der Kontrolle der US-amerikanischen Nachrichtenagentur CNN steht. Ausländische Journalisten sitzen im Pressezentrum in Kuwait und haben kaum Möglichkeiten selbst zu recherchieren.

Kurz: Nachrichten aus dem Irak werden von den Medien des Landes gemacht, das den Irak seit Jahren überfällt und ausplündert. Die können erzählen, was sie wollen.

Ich will nicht behaupten, dass alles, was wir aus unseren Medien über den Irak und Syrien erfahren, komplett gelogen ist. Aber die Nachrichten, die derzeit in unseren Medien verbreitet werden, werfen bei mir jede Menge Fragen auf.

Terroristische Gruppierungen, die in von den USA finanziert wurden und werden, können unmöglich die gesamte politische Realität im Irak darstellen. Was ist mit der irakischen Bevölkerung, die seit Jahrzehnten unter Krieg und Terror leiden muss? Könnte es nicht sein, dass sich derzeit ein breiter Volksaufstand gegen die amerikanische Vorherrschaft gebildet hat? Bekämpft die USA wirklich die Terroristen, die sie selbst finanziert haben oder schlagen sie nicht gerade die Autonomiebestrebungen eines Landes zurück, das seine Ölfelder für sich behalten will?

Überhaupt: Wo ist eine kritische Berichterstattung über die Interessen der USA? Völlig unkritisch wird uns berichtet, die USA hätten ein Verteidigungsinteresse. Weshalb? Weil 2001 muslimische Studenten aus Hamburg Harburg Flugzeuge entführt und damit das World Trade Center zum Einsturz gebracht haben sollen? Aber dann müsste doch Hamburg Harburg bombardiert werden. Das ist doch alles ein Riesenunsinn. Warum müssen Hunderttausende von Moslems für dieses Attentat büßen?

Weil behauptet wird, die USA wollten den Terror, den sie selbst gesät haben, besiegen? Wer soll das glauben? Bomben schüren Hass und sorgen für enormen Zulauf zu Terrorgruppen. Mit jedem militärischen Eingreifen des Westens haben sich die politischen Krisen im Nahen Osten immer weiter verschärft.

Warum schreiben unsere Medien nicht einfach das, was mir inzwischen jeder Teenager aus dem Nahen Osten erklärt, der es mit seinen Eltern nach Hamburg geschafft hat. Es geht um die Interessen des Westens. Um Ressourcen, um Einfluss, um Kontrolle. Warum schreiben unsere Medien nicht einfach das, was sowieso alle wissen? Das ist doch komisch. Das ist schon fast wie in der DDR.

Aber meine schlimmste Frage ist: Wieso berichten unsere Medien immer erst, wenn es viel zu spät ist, von den Opfern dieser Kriege. Erst Jahre, nachdem man uns den letzten Irak-Krieg als sogenannten sauberen Krieg verkaufte, erfuhren wir, dass es Hunderttausende zivile Tote gab. Und dass Kinder noch heute krebskrank oder verstümmelt zur Welt kommen, als Folge radioaktiver Waffen.

Welches Leid wird uns heute, in diesen Tagen verschwiegen? Wie viele Kinder, Frauen und friedliche Männer sterben heute durch amerikanische und englische Bomben. Wie viele verzweifelte Menschen sind auf der Flucht? Wieso erklären uns unsere Medien täglich, warum diese Bomben sein müssen. Warum ruft nicht ein einziger: Stopp! Es reicht! Mit Krieg wird alles nur schlimmer!

Warum fragen sie nicht die Menschen dieser Länder, wie sie sich einen Friedensprozess vorstellen? Ich höre schon die Antwort. Das bringt doch nichts, dort gibt es doch nur Fanatiker und korrupte Politiker. Klar. Der Besserwessi muss es ja wissen.

Ich möchte gern allen Menschen sagen, egal ob sie Journalisten, Salon-Intellektuelle oder Stammtisch-Redner sind: Hören wir auf, uns gegenseitig zu erzählen, dass der Westen alles besser weiß und die Probleme anderer Länder lösen kann bzw. will. Es ist kein verantwortungsvolles Handeln, Länder, in denen Gewalt herrscht, mit Bomben zu überziehen.

Die Chefredakteure unserer Medien frage ich: Wo bleibt endlich eine scharfe Kritik an den völkerrechtswidrigen Kriegen der USA? Und wie soll es eigentlich weiter gehen? Wieviel sogenannter Anti-Terror-Kampf kommt noch auf uns zu? Wir rüsten wieder auf. Neue internationale Überwachungsgesetze werden beschlossen. Und was ist mit TTIP? Leben wir bald in einer Militärdiktatur, in der jeder Verrückte eine Waffe kaufen kann? Ich habe Angst vor diesem Siegeszug der Rüstungsindustrie. Es bleibt meine letzte Hoffnung, dass sich wenigstens deutsche Medien für Frieden einsetzen! Stoppen Sie den Wahnsinn, indem sie rechtzeitig von dem unsäglichen Leid des Krieges berichten. Und zensieren Sie das Wort „Kollateralschaden“.

Joris Lujendijk hat gegen Ende seines Buches aufgeschrieben, welche Darstellungen er gern in unseren Medien lesen würde, wenn es um Kriegsberichterstattung geht. Ich zitiere nur einen kleinen Ausschnitt.

„Eltern trauen sich nicht mehr, miteinander zu schlafen, aus Angst, dass mitten im Akt ein Bombenangriff beginnt und sie sofort zu den Kindern rennen müssen. Ein Vater erzählte mir, dass seine achtjährige Tochter nachts heimlich ihren Schlafanzug ausziehe und sich in Straßenkleidern wieder ins Bett lege, damit sie bei einem Luftangriff gleich zum Schutzraum laufen können.

Von Helfern weiß ich, dass Eltern versuchen, ihren Kindern so viel Trost wie nur irgend möglich zu spenden. Dann sagen sie: morgen. Oder: in zwei Stunden ist alles vorbei. Aber die Bombenangriffe gehen weiter, und die Kinder verlieren auch noch das Vertrauen in ihre Eltern, ihr allerletztes Refugium.

Das vermisse ich am meisten in den Medien. Bilder von kleinen Kindern, die sich in einer Ecke verkriechen und hysterisch ihre Eltern schlagen und treten, weil sie völlig verstört sind.“

Deutsche sollten wieder mehr Verantwortung übernehmen. Ja! Verantwortung für diejenigen, die unter der militärischen Einmischung des Westens unerträgliches Leid erfahren.